Das übersehene Comic-Genre

Als junger Teenager lag ich ganze Nachmittage mit J.R.R Tolkiens "Herr der Ringe" auf meiner Lesecouch und fürchtete mich vor den düsteren Minen von Moria. Ebenso lange folgte ich aber auch Stephen Hawking durch seine kurze Geschichte der Zeit und staunte über die absolute Dunkelheit der Schwarzen Löcher. Und so schwanke ich seither zwischen Fantasy und Physik, zwischen Science Fiction und Psychologie, zwischen Krimis und Philosophie, zwischen fantastischen Welten und faszinierenden Einsichten.

Hatten anfangs noch stinkende Orks, deprimierte Roboter und mordende Butler die Oberhand, las ich mit der Zeit lieber über die Rätsel der Kochkunst, über Fermats letzten Satz und darüber, warum der Eisbär weiß ist. Und obwohl sich mein Herz immer öfter für Sachbücher entschied, schalt mich mein Kopf einen Banausen. Schließlich zählen nach Johann Wolfgang von Goethe nur Dramen, Gedichte und Romane zur Literatur.

Erst William Zinsser erlöste mich mit seinem Buch "On Writing Well" von diesen heimlichen Gewissensbissen: Die Einteilung der Literatur in Dramatik, Lyrik und Epik greift heute zu kurz. Wir alle interessieren uns schließlich nicht nur für Fiktionen, sondern auch für Fakten. Und um dieses Interesse zu befriedigen kaufen seit den 50er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts immer mehr Menschen Sachbücher. Welt online berichtete im Mai 2008, dass Sachbücher zwar nur einen Anteil von 14% an den Taschenbüchern erobert haben, aber stattliche 84% bei den gebundenen Büchern. Daher unterscheiden VerlegerInnen heute ganz selbstverständlich zwischen erzählender Literatur und Sachliteratur.

Doch während neben den Bestsellerlisten für Romane die Bestsellerlisten für Sachliteratur stehen, scheint es in der Comicliteratur kaum Sachbücher zu geben. So habe ich im Jänner 2012 nur auf einer einzigen Homepage eines deutschen Comicverlages das Stichwort "Sachbuch" gefunden. Bei amazon.de lieferte die Suche nach dem Stichwort "Comic" ganze 290.344 Treffer. Dem gegenüber stehen nur 108 Suchergebnisse für das Stichwort "Sachcomic".

Für diesen Mangel an Tatsachencomics gibt es zwei Gründe. Erstens werden Comic-Biographien wie zum Beispiel "Maus" von Art Spiegelman, "Barfuß durch Hiroshima" von Keiji Nakazawa oder "Lebensbilder" von Will Eisner meist nicht als Sachcomics bezeichnet, sondern eher als Graphic Novels. Ähnlich ergeht es Sachcomics, die sich der (Zeit)Geschichte widmen wie zum Beispiel "Alpha" von Jens Harder oder "Das kleine Rockbuch" von Hervé Bourhis. Zweitens gibt es außer Biographien und Geschichtsberichten - die beide den erzählenden Comics sehr nahe stehen - tatsächlich kaum Sachcomics. Auch wenn es eigene Verlage für Sachcomics gibt - wie www.infocomics.de oder customcomicservice.com - kennen die meisten ComicleserInnen wohl nur die Bücher von Scott McCloud: "Comics richtig lesen", "Comics neu erfinden" und "Comics machen".

Mich wundert einerseits, dass Comicverlage nicht verstärkt auf Sachcomics setzen. Denn warum sollten diese nicht ebenso erfolgreich sein wie Sachbücher? Andererseits scheinen die meisten ComiczeichnerInnen dieses Comic-Genre schlichtweg zu übersehen. Dabei gibt es neben Scott McCloud noch ein weiteres großes Vorbild für Sachcomics: Will Eisner - der Großmeister des Comics - zeichnete 20 Jahre lang von 1951 bis 1971 erklärende Comics für das US-Militär (siehe http://dig.library.vcu.edu/cdm/landingpage/collection/psm).

Ich träume davon, dass sich die wenig genutzten Möglichkeiten von Sach- und Fachcomics bald zur vollen Blüte entfalten: Wie funktioniert ein Computer? Kann man aus einem Irrgarten entkommen? Warum fallen schlafende Vögel nicht von den Bäumen? Sei auch du dabei und arbeite mit am ersten Lexikon in sequentieller Kunst unter www.comixicon.org.